RIVERS Log

RIVERS Log Special #1 

Am Fluss zu Hause sein

Unter der Werkstatt fließt ein Gewässer, ein Bach möchte man sagen, doch für manche ist dies eine Untertreibung, ein Fluss sagen daher andere, und man mag es ihnen nicht verübeln. Das eine ein wenig untertrieben, schließlich ist jenes unbesagte Gewässer schon lange unterwegs, durch Ebenen und Wälder ist es präsent und hat diese schon entscheidend mit geprägt, daher, und aus rein erzählerischen Gründen, neige ich dazu, es Fluss zu nennen, auch wenn sicher Übertreibung dabei ist, und vielleicht auch etwas Nostalgie, man mag dem Erzähler Wunschdenken unterstellen, doch es ist mehr ein Empfinden als ein Denken, auch wenn es in der momentanen Hitze mehr ein Rinnsal ist, um sachlich zu bleiben. Es fühlt sich an wie ein Fluss. Was immer noch nur etwas über den Erzähler aussagt und nichts über das Gewässer. Item.

Ich wohne nah an jenem Flüsschen – ein Kompromiss, könnte man meinen, die Bezeichnung, nicht das Wohnen, doch die paar Kilometer von mir zur Werkstatt schwemmen das Diminuitiv definitiv hinweg, jedenfalls gefühlt, und über den Versuch einer Definition sind wir eigentlich auch schon hinweg.

Also. Ich wohne nah, jogge regelmäßig ihm entlang in die andere Richtung, Richtung Bach demnach, demnach nicht bachab, wo die Werkstatt läge, er gehört zu meinem Leben, überall ist er, unausweichlich.

So fließt er unter der Stätte meines Wirkens durch. Schaut man aus dem Fenster, steht man genau in seiner Laufbahn. Als ich kürzlich aus dem Fenster schaute, konnte ich zwei wunderbare, tiefblaue Schmetterlinge bewundern, wie sie sich umkreisten, eine einzige Dynamik, ein Tanz.

Lange schaute ich zu. Ich habe jedoch noch andere Aufgaben in der Werkstatt, als Schmetterlinge zu bewundern. Darum schaute ich auch mal wieder weg. Als ich wieder mal schaute, waren sie immer noch da. Und als ich dann später wieder mal schaute, waren sie es nicht mehr.

Ich habe einen unersetzlich schönen Arbeitsweg eben jenem Fluss entlang, durch den Wald und Wiesen und ein Tal fast ohne Mobil-Empfang, an heißen Sommer-Abenden mit dem Fahrrad durch gefühlte 12 Millionen Mikro-Insekten hindurch und an gezählten neun Kühen vorbei. Da hält man besser den Mund, wegen den Insekten, bei den Kühen besteht weniger Verschluck-Gefahr, aber ich bin ja auch meist allein auf dem Weg, da halte ich tendenziell ohnehin den Mund.

Als ich ein paar Tage nach meinen lepidopterologischen Erkundungen nach Hause fuhr, ich hatte sie schon beinahe vergessen, sah ich das Schmetterlingspaar ein paar hundert Meter flussaufwärts wieder und erinnerte und freute mich. Es hätte natürlich auch ein anderes Paar sein können. Um die Geschichte zu wahren und fortführen zu können, gehe ich davon aus, dass es dasselbe war, sonst wäre diese Geschichte noch viel früher fertig, als sie es in Kürze ohnehin schon sein wird. Denn wie viele dieser wunderbaren, tiefdunklen Schmetterlingspaare es gibt, weiß ich nicht. Ich sehe immer nur eines.

Jedenfalls, ich freute mich.

Ein paar Tage später sah ich es wieder, jetzt schon einen Kilometer weiter Fluss aufwärts.

Ich freute mich.

Da kam mir doch tatsächlich der Gedanke, der meine Freude in Angst und Sorge wandelte: Ach, die beiden, haben denn die kein Zuhause? Sogleich wurde ich mit Erkenntnis zurück zur Besinnung geprügelt: Der Fluss ist ihr Zuhause.

Ich freute mich.

Zuhause sein, wo der Fluss fließt. Nicht an einem fixen Ort. Einfach beim Fluss. Wo auch immer. Nicht alleine, sondern zusammen tanzend.

Dieses Bild hat sich mir eingeprägt. Es beseelt mich.

Die Boten des Subtilen haben mich tief berührt.

Am Fluss zu Hause sein. Wo auch immer.

Das nehme ich mit auf meine Reise.

Und so ist diese Geschichte schon fertig, obwohl sie so episch begonnen hatte.

Wir treffen uns am Fluss.

Diese Geschichte ist zum ersten Mal im August 2018 in der App erschienen.
- Martin Schmid