Korsika-Journal 2016

Voll Mensch sein



Einleitung


Wieder ist ein Journal entstanden, und wieder ist es keine Selbstverständlichkeit. Daher ganz herzlichen Dank an alle Beteiligten!

Mitgemacht haben dieses Jahr:

Urs

Gabi

Susi

Simona

Thomas

und ich (der Martin). Fotos haben geliefert: Urs, André, Susi, Barbara, Lea, Adrian und ich. Die "Zeichnungen" sind Cyanotypie-Drucke von mir.

Gönnen Sie sich doch ein wenig Stimmung dazu. Mit Trompete. Trompete? Kommen Sie näher und lesen Sie weiter.

Alle Angaben zur Musik gibt's am Journal-Ende.


Korsika
eine Reise,
wo das Da-Sein
zum Ja-Sein wird

Die Reise

Die Reise beginnt.
Beinahe alle sind zur rechten Zeit am rechten Ort.
Eine Teilnehmerin nicht, sie wird deshalb am nächsten Tag fliegen. Vor ein paar Jahren waren die Flüge noch selten und teuer, heute ist das kein Problem mehr.

Auf dem Gotthard hat es Schnee. Man kann aber auch unten durch.

Ankommen in der Korsika-Woche
Fast keine Zeit gehabt mich darauf einzustellen.
Erinnerungen an die Arbeit, an Zuhause.
In mir das Interesse an Begegnung und Interaktion.



Der geplante reibungslose Bezug der Appartements gelingt reibungslos.
Lea und ich fahren zum Platz. Theoretisch besteht ja immer die Möglichkeit, dass Bäume umgekippt sind oder alles abgebrannt ist. Der Platz empfängt uns in seiner unversehrten Schönheit, ja ich möchte sagen in seiner stillen Poesie. Und ja, er empfängt uns, das ist mein Gefühl. Er heißt uns willkommen. Die Beziehung zu diesem Platz vertieft sich von Jahr zu Jahr.


Platz
Platz


Korsika ist für mich eine:
- Insel im Mittelmeer
- Woche der Stille und des Genusses
- Fülle an Gefühlen
- Reise voller Begegnungen
- Oase in der Hektik

Am Samstag Abend sind wir komplett. Elf Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wiederkehrende und neue. Ich stelle die Frage: «Wo spürst du ein Ja?» Denn wir wollen nicht nur Da-Sein, wir wollen Ja-Sein.

Dieses Jahr setzen wir unsere bewährte Struktur (einst Köbi, jetzt Köbi & Kulti ineinander verzahnt: zentrieren durch beobachten, öffnen durch empfinden, ausdehnen durch differenzieren, begegnen durch subtilisieren und integrieren durch verwesentlichen) in Beziehung zu den Quellen des Empfindens, im Yoga Chakras genannt, bei uns trotzdem Quellen des Empfindens genannt. Die Idee ist, dass wir uns aus den verschiedenen Zentren zu bewegen lernen.
Das Ganze bietet Zündstoff, da wir damit auch unsere gesamte Persönlichkeit und persönliche Entwicklung durchwandern. Wir schauen, dass vor allem das Potenzial zündet. Deshalb setzen wir gezielte und wohldosierte Impulse und nehmen uns ansonsten zurück, damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Kraft-Netz entfalten können.

Sonntag – Bleib stehen…

Erster Tag

Wo ist Korsika?
Nur im Mittelmeer?

Der erste Schritt ist das Stehenbleiben. Wir machen eine Be-Standes-Aufnahme. Erst dann können wir uns so ausrichten, dass wir aufgerichtet werden. Das ist die Ausrichtung, die wir suchen.

Lass uns heute ein Stück des Weges zusammen stehen. Lass uns Wurzeln schlagen an diesem Ort.

Stehen bleiben bedeutet inne halten. Wenn ich euch Impulse gebe zu den eigenen Quellen, dann sind das nur Impulse, kein Wissen, kein Es-Ist-So. Das Einzige, worauf ich mit diesen Impulsen hinarbeite, ist, dass du inne hältst und zu empfinden beginnst.

Und so beginnt es. Ich sage nicht viel. Wir benennen unsere Ja und verorten sie im Körper. Das mag auch unser Anker sein in dieser Woche, wenn die Nein einmal überhand nehmen sollten.

Das sich Einmitten in sich selbst und in allem. Für mich ein Zentrum, das von Mensch zu Mensch verschieden ist, wobei das Herz eine zentrale Rolle spielt, da tief drinnen bei jedem Menschen ein JA zum Leben haucht.


Ich fühle ein Ja in meinem Sonnengeflecht und in meinen Füssen.
Meine Füsse fühlen sich richtig wohlig und zufrieden an.
Fühle mich Fit und bei mir im Körper.
Achtsam pflege ich meine Energie, meine Präsenz
Joggen am Strand mit lockeren Pausen dazwischen.

Ich lasse mich von Leben tragen – dazu möchte ich von ganzem Herzen ja sagen.
Ich lasse mich ein, bin voller Freude, Frieden, Liebe und Dankbarkeit.
Ich fühle mich geborgen, aufgehoben und lasse los – eine tiefe Entspannung zeigt sich und füllt meinen ganzen Körper – wunderbar!





Bei sich sein und trotzdem in Kontakt gehen mit dem Aussen, Wurzeln schlagen und sich emporheben lassen von den Flügeln des Lebens, innig werden mit seinen Schwächen, so dass sie sich wandeln in Stärke und Struktur.

Ankunft in Korsika. Ein vertrautes Gefühl des nach Hause-Kommens breitet sich in mir aus. Ist wirklich schon ein Jahr vergangen seit wir das letzte Mal da waren? Jetzt wo ich wieder hier stehe, an diesem kraftvollen Ort, scheint es mir so, als ob erst eine Woche vergangen wäre und nicht ein Jahr.

Wieder am Korsikaplatz am Strand. Ich kann die Zeit seit der letzten Korsikawoche zwar abrufen im Kopf aber nicht fühlen. Es fühlt sich nahtlos an. Wo war ich denn die ganze Zeit?

Eine Erinnerung holt mich aus meiner Entspanntheit und Zufriedenheit.
Wie kann ich meine Kraft, meinen Willen und meine Liebe anerkennen und leben und trotzdem die Freiheit anderer achten?

Dem Atem bewusst lauschen und dabei die Stimmen draussen hören. Tief verankert im Sein, so dass Bewegung entstehen kann.

Wir zentrieren, erden, sinken, lassen los, entspannen, kommen an, halten inne, verwurzeln. Im Yoga und im Einfach-Stehen. Wenn ein Chinese steht, heißt es Zhanzuang, wenn ein Inder steht, heißt es Tadasana. Tadaaa! Wir stehen einfach. Und lassen Knochen schweben.

Wir stehen, damit wir ankommen und Wurzeln schlagen können. Wir stehen still am Strand und schauen aufs Meer hinaus. Wir lassen dabei alles Unnötige sinken, alles Nicht-Jetzt, alles Nicht-Hier. Wir geben es ab an die Erde. Wir lassen die Schulterblätter schmelzen, machen das Becken, die Beine und die Füße durchläßig und stehen wie eine innere Sanduhr. Alles rieselt nach unten.


Chi Yoga mit Lea. Für einen kurzen Moment ist dieses Gefühl der totalen Lebendigkeit und Verbundenheit wieder da! Alles ist in Bewegung, das Leben ist Bewegung und Dynamik. Ich bewege mich, die Erde unter meinen Füssen schenkt mir Energie ins Innere, der Himmel segnet die Bewegung. Jetzt hier zu sein, total und ganz im Hier und Jetzt, ist ein wahres Geschenk. Ich spüre die Spirale der Bewegung bis ins Zellinnere, eine Art DNA, die uns mit Allem auf dieser Erde verbindet. Danke Lea, danke Martin, danke an Korsika, diese wunderbare Natur an diesen zeitlosen, heiligen Ort.

Dieses Jahr habe ich die Trompete dabei, um alle wieder an denselben Ort zu locken, wenn wir mal uns ausbreiten. Keine Trillerpfeife wie auch schon, und auch nicht meine sonor rufende Stimme. Keine Fanfare und kein Marsch, sondern «Que reste-t-il», «Caruso», «Gran Torino» und Anderes.





Montag – ... dreh dich um ...

Erster Tag

Was wäre Korsika ohne Gruppe?
Was, ohne Martin und Lea?

Ich weiß nicht mehr wie, aber der Einstieg ist lustvoll und lustig. Das geschieht, wenn man in der zweiten Quelle im Becken ist. Lea muss irgendwie den Übergang von meinem Unwesen in die Yoga-Session finden und macht das wunderbar. Der Platz hat Freude.

Jede Sportart, die auf dem Boden stattfindet, funktioniert so, dass wir uns vom Boden abstoßen. Sprinten, joggen, surfen, snowboarden, Akrobatik, Tennis… Jede Bewegung funktioniert so. Auch Yoga, Qigong, Taiji. Doch gerade im Taiji ist ein Schweben gang und gäbe, das zwar schön aussieht, der Bewegung jedoch die Kraft nimmt.

Wir lassen die Bewegung in den Wurzeln beginnen und generieren die Kraft in den Beinen. Wir lenken sie im Becken und geben ihr den entscheidenden «Zwack», der sie in die richtigen Bahnen lenkt, auf dass sie sich frei ausbreite.

Wir fokussieren offen. Ein Fokus, der sich nicht verschließt.


Ein entspanntes Öffnen durchströmt meinen Körper. Ich bin ganz sanft. Einatmen, ausatmen – welch wunderschöne Fülle: Glück, Freude, Freiheit! Ich bin einfach nur dankbar hier zu sein.

Öffnen bedeutet, dass sich die eigene Gestalt verändert. Sich nicht in Positionen zwängen, sondern durch öffnen in sie hineinfließen.

Wagen verletzlich zu sein, um daran zu wachsen. Sich einlassen auf Fremdes, um zu bemerken, dass vieles doch vertraut ist. Schlussendlich sitzt in jedem Menschen ein tiefer Schmerz von Trennung, der eigentlich nur eine Illusion unseres Geistes ist. Wenn sich Schalen und Panzer bilden, wird das Getrenntsein zur empfundenen „Wahrheit“. Deshalb: öffnen und vertrauen, dass die Verbindung sich NIE aufgelöst hat.

Vertrauen, innere Stärke und gleichzeitig ein Gefühl des Erlöst-Seins breiten sich in mir aus. Meine Lungenflügel breiten sich aus, meine Herz-Zone erweitert sich. Ich fühle mich getragen und leicht, habe das Gefühl, dass meine Lungenflügel nur noch Flügel wären. Ich bin aufgehoben, es kommt alles gut!

Es gibt keine Gruppe. Gruppe ist ein Konzept. Du bist da, wo du bist. Du machst das, was dir gut tut. Du interagierst dann, wenn du bereit bist.
Wie gehe ich um mit Freiraum, mit Leere in mir?
Wenn da grad keine Kräfte für Neues sind? Kein Bedürfnis? Keine Neugier?
Es verunsichert mich etwas. Fragen tauchen auf: Sollte ich etwas tun? Sollte ich an meiner Zukunft arbeiten? Etwas Nützliches tun?
Etwas Süsses, etwas zum Kauen, schlafen einfach so; um nicht die Leere zu spüren.
Wie fühlt sich die Leere den an? Ist sie wirklich so leer wie sie den Anschein macht?

Open Hands: Ich will meine Müdigkeit mitbringen, mein Sosein; mich nicht schmücken.

Im Open Hands kultivieren wir das Unsichtbare. Sinken und öffnen gleichzeitig. Das innere Sinken ist unsichtbar, doch hier wird die Kraft generiert. Massiv sinken, ein ganz klein wenig als Gegenkraft in dieses Sinken öffnen. So kann man jemanden ganz unscheinbar weg-öffnen.


Open Hands: Ich erkenne mich kaum wieder, wenn ich mich mit der Simona vor 3 Jahren vergleiche. Viele Muster konnte ich loslassen, im Open Hands wie auch im Leben.
Open Hands ist Dialog. Open Hands ist wie Shiatsu, wie die Meereswelle, die dich packt und surfen lässt, wie ein Instrument das weiss, was es spielen soll, wie ein Koch der dir ein zauberhaftes Menü zubereitet. Es ist alles und nichts gleichzeitig. Jedes Mal neu zu entdecken, immer wieder neu und sich selbst dadurch neu entdecken und entfalten lassen. Ein Einlassen in tieferen Ebenen. Open Hands, ein offenes Feedbacksystem, ganz direkt, eine Art Spiegel des Lebens. (Und vieles mehr... ehm ich höre jetzt auf.. ☺)


Dienstag – … schau der Sehnsucht ins Gesicht …

Erster Tag

Nachdem wir gestern offen fokussiert haben, betrachten wir heute den anderen wichtigen Aspekt in diesem Zusammenhang: entspannt konzentrieren.

Kon-zentrieren: «mit Zentrum» oder «zusammen Zentrum». Zwei Zentren, die verschmelzen, das sind zwei Zentren, die in Dialog sind, denn der Dialog ist die transzendierende Kraft. Wir sehen also, dass selbst Konzentration als etwas zum Dialog Hinführendes gemeint ist. Es braucht die Konzentration für den Dialog.

Bewegung entsteht – idealerweise – aus einer Überfülle heraus. Deshalb ist im Ausdehnen bereits eine Umkehr, eine Umkehr von innen nach außen, eine Umkehr in die Welt hinein. Ausdehnen ist die Folgerichtigkeit des Zentrierens und Öffnens. Es ist eigentlich eine Antwort. Das Öffnen ist die Antwort auf das Zentrieren, das Ausdehnen ist die Antwort aufs Öffnen. Eine Antwort nimmt die Frage in sich auf und hebt sie auf eine neue Ebene oder stellt sie in einen umfassenderen Kontext. Ganz im Gegenteil zu einer Entgegnung. Eine Antwort führt in Bewegung und in die Begegnung, wogegen eine Entgegnung in einen Stillstand und in keine Begegnung führt.

Wir aktivieren Energie, indem wir entspannt energisch werden, mit Fauststößen klare Grenzen setzen und Spiralen spiralen lassen.


Ich entdecke eine neue Kraftquelle in meinem Becken. Wärme, Klarheit und eine kraftvolle Energie durchströmen vom Becken aus meinen ganzen Körper. Ich könnte Bäume fällen!


Gabi könnte nachher Bäume ausreißen, tut es aber besser nicht.

Habe ich etwas zu sagen?
Wie fülle ich meinen eigenen Raum?
Ich schaffe Raum für meine Bedürfnisse. Und bringe sie ein.

Liebe dehnt aus, Angst zieht zusammen. So einfach.

Sehnsucht ist auch eine Antwort. Wir werden bereits gerufen und antworten, und dieses Empfinden des Antwortens spüren wir als Sehnsucht. Sehnsucht ist nicht das Gefühl eines Defizits, von Alleine-Sein etwa, sondern sie ist der Weg zur Fülle, der Weg zum gelebten Verbundensein. Sehnsucht ist auch ein Umkehrvorgang. Wir haben etwas verloren, es ruft uns und wir kehren um, um es wieder zu finden, auch wenn wir gar nicht wissen, was genau wir verloren haben. Wir haben uns oder etwas abgespalten und kehren zurück, um uns oder etwas zu integrieren. Das ist der Kern unserer Bewegungspraxis, diese Rück-Bindung, wie sie das Wort «Yoga» meint, und wie es das Wort «religio» meint. Es ist das Einswerden mit dem Dao des Qigong und Taiji. Wenn wir von Sehnsucht sprechen, ist das also kein romantisches Inselgeschwätz. Es ist der Kern der Traditionen und Methoden, die wir hier praktizieren.





Die Hin- und Rückfahrt zum Bewegungsplatz, das ist schon Dynamik pur! Die einen laufen zum Platz, andere joggen, andere fahren mit dem Auto, ich will dieses Jahr mit dem Bike zum Platz fahren. Jeden Tag entwickelt sich eine neue Hin- und Rückfahrtdynamik. Je nachdem was wir brauchen und wie wir uns fühlen und das wunderbare, es fliesst und geht immer gut auf!

Mit der Rückfahrt zu den Appartements verhält es sich ähnlich. Die meisten haben das Bedürfnis, nach den intensiven Bewegungsstunden einmal etwas zu essen am Ort, danach gemütlich ins Meer springen für eine kleine, oder längere Erfrischung und dann entwickelt es sich wieder individuell.

Ich geniesse das Zurücklaufen mit meiner vertrauten Person. Manchmal sprechen und besprechen wir viel und manchmal laufen wir einfach vor uns hin und doch sind wir beide da im Dialog. Das Laufen, (Walking-Tempo) der Rhythmus der Schritte, der Wind der die Wellen des Meeres tanzen lässt, das Panorama dieses wunderbaren Naturschutzortes, ermöglichen automatisch, dass die wirren Gedanken zur Ruhe kommen, sich am Laufryhthmus und an alles Vorhandene anpassen. Ich lasse los und die Natur übernimmt es.

Ein grosser Teil der Integration des Gelernten findet im Zurücklaufen statt.


Mittwoch – sein

Die Weggefährtinnen und Weggefährten gehen am freien Tag verschiedene Wege, von denen sie abends einander berichten werden. Einsame Dörfer werden sie erkundet haben, wilde Bike-Wege, die Stille unseres Platzes, der auch am freien Tag da ist, die raue Schönheit Cortes. Und einen der kraftvollsten Orte Korsikas.

Tage wie diese, die sollten nie vergehen – Genuss, Freude und Spass haben uns den ganzen Tag begleitet. Ein herzliches Dankeschön an alle; dieser Tag wird mir immer in bester Erinnerung bleiben.


Lea und mich verschlägt es nach Bonifacio, wo wir ein anderes Grüppchen treffen sollen, das dann allerdings schon da war, wo wir gemeinsam hinwollten, weil sie dem korsischen Markt dermaßen Kulinarisches entlockt hatten, dass es sogleich an jenem einem der kraftvollsten Orte Korsikas genossen werden wollte, nur die Trompete fehlte, ich nicht, aber die Trompete, oder ich quasi einfach als Betätiger eben dieser, sodass Lea und ich dann halt noch alleine an einen der kraftvollsten Orte Korsikas zogen, wo wir einer Frau mit wunderschönen Haaren und Männern mit seltsamen Ganzgesichts-Taucherbrillen begegneten. Kraftvoll.



Donnerstag – …und lass dich tragen, so weit sie reicht


Erster Tag

Nehme ich das Gefühl von Korsika mit?
Oder ist Korsika überall wo ich bin und fühle?

Adrian fischt am Morgen, statt sich mit uns die frühe halbe Stunde zu bewegen. Man kann auch beim Fischen atmen. Das bewegt die Fische nicht, die sind in Bonifacio geblieben, und die Rute daher auch nicht. Vielleicht habe ich sie auch mit meiner Trompete verscheucht. Die Fische, nicht die Rute, die war ja immer da.

Wir haben am ersten Tag an unserer Struktur gearbeitet. Was allmählich entsteht, ist eine tragfähige Struktur. Das geschieht, weil sich vormals isolierte Einzelteile wieder begegnen und sie den Weg in ein Ganzes finden. Man spricht von faszialen Leitbahnen, also miteinander durch den ganzen Körper verbundene Faszien. Von diesen können wir uns tragen lassen, wenn wir gegen innen ausdehnen. Es entstehen Vernetzungen und Freiräume, wenn wir Innenraum schaffen.


Zusammenhänge erkennen und diese gleich wieder loslassen... denn schlussendlich sind es nicht unsere Erfahrungswerte, die uns weiterbringen, sondern der Moment an und für sich, ohne Vergangenheit und Zukunft.



Vorgestern hatte mein kleiner Speach zum Einstieg eine Wende genommen, die ich nicht hatte wenden wollen, ich hatte vom erfolgreichen Scheitern geredet, aus Versehen, ich war quasi gescheitert, von etwas Anderem zu reden. Weil man das Leben eben nicht lösen kann/muss undsoweiter, und irgendwie hat das mit Bewegung zu tun. Eigentlich hatte ich ja über Geborgenheit reden wollen, um sich von der Bewegung tragen lassen zu können, doch wie es halt so ist, es wurde etwas Anderes daraus. Lea hatte mir noch gewispert «Sprich vom Geborgensein» (und immer wenn Lea mir etwas flüstert, lacht Adrian, der jetzt nicht mehr fischt, weil es der Wind vom Meer her schnurstracks in direkter Linie zu ihm trägt), denn davon hatten wir in der gemeinsamen Vorbereitung gesprochen, doch da war schon genug Tragweite auf einmal, hatte ich jedenfalls gedacht, und das Geborgensein blieb vorerst verborgen. Doch, ach, was sich zeigen will, zeigt sich, da kann man noch so denken.


Heute kam das Wort Geborgenheit gleich mehrere Male in einer Einstiegsrunde, also strich ich es heraus. «Ein wunderbares Wort, nicht wahr?»
Die Kenner meiner ewiggleichen Aussagen waren verwundert: «Es ist kein Verb! Du magst ein Wort, das kein Verb ist?»
«Was ist das Verb von „der Gang“?» «Gehen.»
«Und von „der Regen“?» «Regnen.»
Und von „der Berg“?» – … «Bergen?»
Bergen… Stimmt. Stimmt. Das ist ja auch ein Verb. Ein Berg birgt einen Schatz, ein Wald ein Geheimnis. Bergen als Zustand. Wie Tadasana, der Berg des Yoga. Statisch.
Bergen aber auch, wenn wir etwas aktiv bergen: etwas aus der Tiefe herausholen.
Wir sind geborgen. Was bedeutet das nun? Wir ruhen in etwas, wie der Schatz im Berg. Der Zustand. Gleichzeitig ist das Verborgene im Bergen gehoben. Bergen als eine Handlung. Es kann sich zeigen, es muss sich nicht mehr verbergen. Dadurch sind wir geborgen. Fühlen uns geborgen. Was aufgehoben ist, kann aufgehoben werden.

Geborgen sein, geborgen werden, sich tragen lassen also. Von der Struktur, die wir bis jetzt aufgebaut haben. Wurzeln im ersten Zentrum, Agilität im zweiten, Stütze im dritten, wo auch vertrauen sitzt – so kann sich nun der Herzraum stabil entfalten. Wir haben eine tragfähige Struktur, um dem Leben zu begegnen.  



Ich und du
Haben wir uns etwas zu sagen?
Wollen wir uns etwas zuhören?
Ist gerade nichts zu sagen und trotzdem viel zu hören?
Haben wir uns nichts mehr zu sagen und die Zeit ist reif sich zu verabschieden?
Kann ich ohne zu horchen etwas mitteilen?
Habe ich etwas mitzuteilen, aber ich warte schon tausend Jahre, bis jemand bereit ist mich zu hören?
Brauchen wir Methoden um uns Raum zum Zuhören und zum Mitteilen zu ermöglichen? In einer geschwinden Zeit die dazu verleitet auf der Oberfläche zu gleiten: weil es schneller geht, reibungsloser und vielleicht auch einsamer?

Am Abend gehen wir alle nochmals zu unserem Platz. Denn er ist so anders am Abend. Das Licht so licht. Das Meer tiefblau.
Wir spielen mit verschiedenen Möglichkeiten der Verbindung. Mit dem herbschauenden Koala-Hund etwa, den wir eigentlich nur zur Info zeigen wollten – einige Enthusiasten machen ihn auch gleich. Wir verbinden unsere Strukturen in verschiedenen Acro-Yoga-Positionen, schweben wie ein Vogel und schlappen wie ein Wa-Schlappen, Massage inklusive. Aus zwei Strukturen werden eine Einzige. Die 90 Minuten sind im Nu vorbei. Sie schnellen wortwörtlich vorbei.


Der Regenbogen macht den Moment ganz und unvergesslich und schnellt nicht, im Gegenteil.

Wir machen ein Feuer und essen vorzüglich.

Ich geniesse es am warmen Feuer im Sand zu sitzen, dabei zu lachen und in diese Fröhlichkeit und Leichtigkeit einzutauchen. Welch faszinierende Stille uns auf einmal umgibt.






Als es dunkel wird, sitzen wir an unserem Platz Rücken an Rücken im Kreis, schützend, bewahrend, und lassen uns eine halbe Stunde lang vom Verborgenen berühren.

«Mystisch» ist später ein Wort dafür. Ja.

Freitag – Bis in die Welt der Welt

Erster Tag

Was hat mich Korsika diesmal gelehrt?
- Oder wusste ich es immer schon, habe es aber in der Zwischenzeit verlernt?

Braucht es gar kein Korsika?
- Nur Momente der inneren Ruhe und des Rückblicks?


Zurückkehren wo wir herkamen und Erfahrenes wieder loslassen, um den Prozess in Liebe von Neuem zu starten, spiralförmig ausdehnend in eine Richtung.


Die Integration. Die drei oberen Zentren der Integration. Die Quelle des Halses bringt das Innen nach außen in die Welt und integriert horizontal. Die sechste Quelle – das dritte Auge – integriert in größere Muster und Stimmigkeiten. Sie integriert in das Subtile. Die Quelle des Scheitels bringt den Gegenpol zum Hier der ersten Quelle: das Jetzt. So kommen wir ganz an. Aus dieser Ganzheit können wir offen fokussiert und entspannt konzentriert bewegen und bewegt sein.

Bring innere und äußere Widersprüche in einen Dialog und entscheide mit der zeitfreien Weisheit des Herzens. EFF sagt es in seinem Hit «Stimme» treffend: Hör auf die Stimme/ hör was sie sagt/ sie war immer da, komm/ hör auf ihren Rat/ Hör auf die Stimme/ sie macht dich stark/ sie will dass du's schaffst/ also hör was sie dir sagt.

Zum Schluss machen wir eine kleine Atemmeditation mit großer potenzieller Wirkung.
Einatmen: Wer bist du? Ausatmen: Wo bin ich?

Diese Meditation ist ein Kernstück meiner eigenen Praxis, und es freut mich, sie hier das erste Mal einfließen zu lassen.

Welches Leben ist in dir angelegt?


Raum für dich in deiner ganzen Fülle, Raum für mich in meiner ganzen Fülle. Das kann Angst machen. Das kann sich überwältigend anfühlen.

Überwältigt von meiner und deiner Lebensfülle schmelze ich dahin und finde mich am Grund des Meeres wieder: Riesig als das Meer, mit meinen ganz persönlichen Tränen der Freude in den Augen.


Wir essen alle gemeinsam an diesem wunderschönen Panoramarestaurant am Strand. Eine Aufbruchstimmung ist in der Luft. Die eine Woche habe ich wie zwei intensive Tagesstunden erlebt. Wieso ist es schon vorbei??? Wo bleibt mein Zeitgefühl? Moment mal, kann man da die Zeit stoppen? Ich habe ja noch so viel zu integrieren!! Das Grösste hat sich mir heute gezeigt, danke!
Ich brauche Zeit, beginne ja erst jetzt mich wieder fit zu fühlen, um endlich dran bleiben zu können.

Im Restaurant «Les Deux Mats» speisen wir gemeinsam ein letztes Mal. Einige genießen den Blick aufs Meer, die anderen genießen den Blick auf diejenigen, die den Blick aufs Meer genießen. Die junge Dame, die serviert, hat Augen wie Hermine aus Harry Potter.


Wir tanzen unser Leben am Abschlusstanz auf der Bühne unserer Feriensiedlung, der DJ möchte unseren mitgebrachten Mix auch haben. Dann hat er mal anständige Musik. Darf er haben. Gut, dass wir am Anfang der Saison kommen. Tausende würden es uns danken, würden sie je erfahren, woher diese Musik stammt. Das nächste Mal muss ich unsere Internet-Adresse in den Mix hineinmixen.


Samstag & Sonntag – wirken lassen & heimreisen

Wir können bleiben, im Appartement, so lange wir wollen. Man lässt sich Zeit mit packen. Einige fliegen davon von da, von dort, aber immer nach Hause. Andere genießen noch einen Tag Korsika und geben so der Integration letzten sonnigen Raum. Wie auch immer das aussieht, zum Beispiel so:

Meine Freunde und Bekannte fragen mich immer wieder, was macht ihr eigentlich in Korsika, wieso zieht es dich wieder dorthin?
Dieses Jahr realisiere ich: Es ist das ganze Packet, das es ausmacht. Die gemeinsame Reise mit der Gruppe, das sanfte Kennenlernen der neu Angekommenen, das Begegnen und Vertiefen der bereits vertrauten Leute/Freunde. Wahrnehmen zu können, wie jeder von uns seinen Weg geht und doch die Einheit da ist zwischen uns, auch wenn ich gewisse Leute nur einmal in Jahr in Korsika sehe. Ein gemeinsames Wachsen! Jederzeit ein Teil der Gemeinschaft zu sein und gleichzeitig jederzeit sich aus der Gruppe ausklinken zu können. Wir sind da, wir müssen nichts und gleichzeitig bewegt sich und entsteht so viel.
Alles ist in Bewegung, wie das Leben, und dadurch fühle ich mich wieder so lebendig. Die Bewegungsstunden mit Lea und Martin sind jedes Mal ein Geschenk und bringen sehr viel Inputs mit sich. Was man so im Alltag nebenbei realisiert, spürt man in der Bewegung ganz klar, der ganze Ablauf, die ganzen Prozesse, die Zusammenhänge.

Das Subtilere zu integrieren erlebe in nun als Herausforderung. Ich nehme die Herausforderung an und betrachte sie als Chance um zu wachsen.

Dieses Mal muss ich daran bleiben, nicht nur ein paar Monate nach Korsika, sondern konstant. Doch in einer konstanten, fokussierten Entspanntheit. Es schlummert viel Potenzial in mir! Jetzt liegt es an mir, wie ich das Zusammenbringe, die Zeit ist reif! Damit es reif werden kann, brauche ich im Alltag mehr Boden. Das spüre ich ganz genau.


Die Sicherheitsvorkehrungen bei der Fähre werden verschärft (bzw. es gibt zum ersten Mal welche), man kuckt uns in die Einkaufstasche und unter die Motorhaube. Die «Mega Smeralda», in deren Schlund wir zum ersten Mal in der gesamten Korsika-Karriere unser Auto versenken, ist tatsächlich mega, man braucht ewig, um zuhinterst anzukommen, wo wir uns verabredet haben, und ebenso ewig, um wieder zur Kabine zu kommen.

Wir werden in Ruhe dem Leben entgegen getragen, wo es uns nach einer Woche Sonnenschein mit Regen empfängt.


Korsika ist auch:
- zu Hause wieder ankommen und zu Hause fühlen
- eine Tochter die sagt „ich habe Dich so vermisst und hab Dein Duschmittel benutzt,
so konnte ich Dich riechen“
- ein fast grosser Junge der massiert werden möchte und danach auf Deinem Schoss
einschläft
- die Menschen die einem tagtäglich umgeben wahrnehmen



Einblick & Ausblick

Zusammen unterwegs sein. Zehn Tage lang Leben teilen. Sich auf heilende Beziehungen einlassen. Dialoge führen, die uns über uns selbst hinausführen in ein größeres Selbst. Und das auf eine ganz natürliche, ungezwungene Art.
Das ist ein Weg, der jedes Jahr andere, ganz einzigartige Formen annimmt.
Das ist ein Geschenk, das ich jedes Jahr wieder als nicht selbstverständlich annehme.
Vielleicht zeigt sich das Geschenk sofort. Vielleicht zeigt es sich nicht gleich sofort, weil wir es zuerst auspacken müssen. Dafür haben wir Zeit. Bis zur nächsten Korsika-Woche. Denn wenn wir uns darauf einlassen, dass Korsika eine Konstante wird in unserem Leben, dann kriegt unser Leben eine Richtung. Das ganze Leben wird eine Reise. Und Korsika dauert das ganze Jahr.

Das ist so unendlich wertvoll.

Herzlichen Dank an alle Mitreisenden. Ich wünsche euch allen ein gutes Jahr und freue mich auf ein nächstes Mal!

Und alle, die noch nicht dabei waren und es beim Lesen des Journals ja doch schon sind: herzlich willkommen!

Und mit den Worten Rumis:

Komm, wer du auch bist!
Wanderer, Anbeter, Liebhaber des Loslassens, komm.
Dies ist keine Karawane der Verzweiflung.
Auch wenn du deinen Eid tausendmal gebrochen hast,
komm nur,
und noch einmal: komm.