Der Zwei-Wege-Weg

Kultur und Kult

Sobald eine Gruppe entsteht, besteht die Herausforderung darin, dass aus einer Kultur kein Kult wird, sich die Gruppe nicht in ihrer Selbstbegrenzung ausruht und zu selbstgenügsam und selbstsicher wird. Dasselbe gilt für Methoden, in unserem Fall für Bewegungs-Methoden wie Taiji, Qigong und Yoga.
Denn durch Begrenzung entstehen Methoden und Gruppen. Durch eine bestimmte Fragestellung werden bestimmte Antworten generiert. «Was sind unsere Kernwerte», «Was wollen wir erreichen?», «Was ist unsere zentrale Aussage». Durch solche Fragestellungen geschieht eine Selektion. Ob Gruppen oder Methoden, sie sind immer das Resultat einer Selektion. Das ist wichtig und legitim, denn nur auf diese Weise kann eine De-finition geschehen, ein Abgrenzen von der Unendlichkeit und auch von der Beliebigkeit.

Überholte Strukturen

Doch von Anfang an muss nicht Konsens und Abgrenzung, sondern konstruktiver Dissens und Offenheit das eigentliche Fundament bilden, um nicht ein hermetisch abgeriegeltes, selbstgenügsames System hervorzubringen. Das war zur Entstehung von Methoden wie der verschiedenen Taiji-Schulen noch kein Thema, im Gegenteil. Damals war es eben gerade wichtig, ein abgeschlossenes, besseres, überlegenes System zu schaffen und geheim zu halten. Seltsamerweise hält sich diese Grundhaltung heute und im Westen immer noch bei einigen Praktizierenden, bei «Meistern» und Schulen. Und das, obwohl diese Bewusstseinshaltung in unserer Gesellschaft überholt ist. Wir finden sie noch in konservativen Kreisen der katholische Kirche, im Glauben an einen richtenden und strafenden Gott, im Sandkasten, wenn die Jungs darüber streiten, welcher Papi der stärkere ist. Ist das das Niveau, auf welchem man sich bewegen möchte?
Auch der Wettbewerbsgedanke, der den Taiji-Schulen zu Grunde lag, war mehr einer von Ehre oder auch von Überleben, als vom marktwirtschaftlichen Wettbewerbs-Bewusstsein unserer Zeit. Welches, wenn es auf Kosten sozialer und ökologischer Aspekte geht, auch nicht mehr die Crème de la Crème unserer Zeit ist.

Bussha Yogi Qigong und Yoga haben sich etwas anders entwickelt, hier war Diversität quasi naturgegeben. Im Qigong, weil es eine Heilkunst war, die jedermann erlernen sollte und durfte (auch hier gibt es natürlich Ausnahmen). Yoga entwickelte sich auf dem seit jeher multikulturellen Boden Indiens vielverzweigt (es gibt keinen «Hinduismus» per se, das ist eine religionswissenschaftliche Zusammenfassung für «alle Religionsformen jenseits des Indus»). Auch hier gibt es natürlich Schulen, die «den einzig wahren Yoga» unterrichten, dennoch sind im Allgemeinen die Vorzeichen etwas anders. Doch selbst im weitverzweigten Yoga finden sich die Wurzeln einer einzigen Fragestellung. «Yoga» bedeutet verbinden, anschirren, und was man verbindet, sind Körper und Geist, die sich im Prozess der Entwicklung irgendwie abhanden gekommen sind. «Wie bringen wir das wieder zusammen?» Dazu ist eine Anstrengung nötig.
Der Daoismus als Grundlage von Taiji und Qigong sagt im Grunde das Gegenteil: Alles ist das Dao, es ist unausweichlich, und alles ist der Tanz von Yin und Yang. Um das zu realisieren, muss nichts getan werden. Es muss aber viel gelassen werden (wuwei, tziran). Alles, was scheinbare Trennung ist, muss weggelassen werden, und es offenbart sich die Einheit. «Wie lassen wir?» Indem wir entspannen.
Der ausgemergelte Yogi in seiner Versenkung und der dickbäuchige, die Arme in die Höhe haltende, lachende Buddha illustrieren diesen Unterschied deutlich.

Kein Ausgleich, kein Vergleich, sondern Bereicherung

Yoginstagram Für die meisten Praktizierenden unserer Zeit sind solche Betrachtungen kaum wichtig. Yoga genügt, weil es in sich schon ein zweiter Weg ist, die Alternative zum Bewegungsmangel. Ebenso genügt Qigong, genügt Taiji. Doch Bewegungsmangel ist kein Weg, und bei zwei Wegen geht es nicht einfach um Ausgleich eines Mankos. Der Zwei-Wege-Weg geht viel tiefer.
Die Wege sind längst Kult geworden. Yoga ist Kult und hat seine eigene Mode und Bilderflut auf Instagram. Taiji ist ein Insider-Kult. Es gibt genügend Gründe, diese Kulte zu überschreiten und wieder zum Ursprung vorzudringen: das Natürliche kultivieren.


Der Zwei-Wege-Weg

Ich mache an mir und an meinen Studenten eine wichtige Beobachtung, die sich mit der Beobachtung vieler Anderer deckt: Verschiedene (wirkliche) Wege können eine Bereicherung sein. Ein zweiter Weg kann neue Perspektiven auf den ersten (Haupt-)Weg eröffnen. Ein zweiter Bewegungsweg weitet unser Bewegungs-Spektrum und damit unser Wahrnehmungs-Spektrum. «Wenn wir Experten eines Gebietes werden, werden wir Gefangene unseres Prototyps», sagt Adam Grant im Buch «Originals». Und im selben Buch findet sich eine interessante Tabelle: Man hat Gewinnerinnen und Gewinner des Nobelpreises und andere Wissenschaftler verglichen. Diejenigen von ihnen, die ein Instrument spielen, haben eine 2x höhere Chance, den Nobelpreis zu gewinnen. Wissenschaftler, die auch Geschichten oder Gedichte schreiben, haben eine 12x höhere Chance. Wer tanzt oder schauspielt, hat sogar eine 22x höhere Chance, den Preis zu gewinnen. Nicht, weil diese Wissenschaftler so ergreifend Klarinette spielen oder schöne Gedichte schreiben, gewinnen sie den Preis, sondern weil sie offenere, kreativere Menschen sind.

2 Hasen jagen Jagt man zwei Hasen gleichzeitig, fängt man keinen, weiß auch Konfuzius. Aber Diversität, Abwechslung, Perspektivenwechsel sind wichtig und förderlich. Abgeriegelte Systeme sind dogmatisch und taugen nicht für unsere Zeit in unseren Breitengraden.

Perfekt: Das Unperfekte

Konstruktiver Dissens und Offenheit sind auch Ausdrucksformen der Integraldynamik. Die Methodik ist von Anfang an offen und kein in sich geschlossenes, stimmiges Ganzes. Sie ist ein «Sprachspiel» und keine perfekt vorgekochte Instant-Lösung.

«Wir lernen einen besseren Umgang mit Werkzeugen oft gerade dann, wenn Werkzeuge eine Herausforderung darstellen, und dazu kommt es am ehesten, wenn die Werkzeuge nicht ideal gestaltet oder für einen einzigen Zweck bestimmt sind; wenn sie vielleicht nicht gut genug sind oder wenn man nur schwer herausfindet, wie man sie einsetzen muss.», sagt Richard Sennett in seinem Buch «Handwerk». Integraldynamik ist ein solches Werkzeug.

Horizonte weiten

Vor allem unsere Korsika-Kurse sind eine Möglichkeit, diese Diversität zu erforschen und als Bereicherung zu erleben. Praktizierende verschiedener Bewegungs-Wege kommen zusammen und machen sich ein Teilstück zusammen auf dem Weg. Das wird allgemein als Bereicherung empfunden und, öffnet hin zu neuen Horizonten und weitet den eigenen Horizont entscheidend.