Taiji | Vom unermesslichen Wert der Form

Taiji

Meine Geliebte

Sie ist meine Allerliebste. Seit bald 25 Jahren sind wir zusammen. Wo wir uns nicht schon vereinigt haben – an den Stränden Kaliforniens, Hawaiis, Frankreichs, Korsikas, Portugals. An der Nordsee. Am Atlantik, Pazifik, Mittelmeer. In den endlosen Weiten Islands. Im Frieden Assisis. Mal nur wir zwei, mal zusammen mit vielen anderen, uns zu einem Einzigen vereinigend.

Jedes Mal, wenn wir uns treffen, ist es ein Nachhausekommen. Schon in der ersten Sekunde erfüllt mich eine Stille und Klarheit und eine Fülle, die alle oben genannten Orte, Jahre und viele Menschen mit meiner Innenwelt in Begegnung und in einen Austausch bringt. Sie verwurzelt meine bescheidenen eigenen Würzelchen in einer großen, tiefen Wurzel. Sie zeigt mir meine Launen und meine Qualitäten auf, das, was sich wandelt – oder die Widerstände dagegen – und das Unwandelbare, Ewige.

Sie zeigt mir meine Muster auf und eröffnet mir gleichzeitig Wege und Integrationsmöglichkeiten. Sie ist geduldig, wenn ich ungeduldig bin. Sie empfängt mich jederzeit in jeder Stimmung und umhüllt mich. Sie fließt durch mich und formt mich.

Die Kraft der Beschränkung


Taiji

Ich habe mich von Anfang an beschränkt, sie war mir genug. Ich musste nicht noch X andere kennen lernen.

Wir haben nicht lange gebraucht, um uns kennen zu lernen. Drei Monate reichten. Nicht alle stürzen sich so in eine Beziehung wie ich. Ich bin wohl der Typ dafür. Und damals war es einfach gerade möglich, täglich stundenlang in diese Beziehung zu investieren. Andere haben länger, vielleicht ein Jahr. Aber was ist ein Jahr Aufbauarbeit für etwas, das jahrzehntelang täglich zum Geschenk wird, zur Quelle von Wandel und Beständigkeit?

Der Wert meiner geliebten Taiji-Form ist für mich unermesslich.

Form oder Nicht-Form. Das ist nicht die Frage.

Unermesslich. Und unersetzlich. Immer wieder kommen Menschen mit ihren Formen in meine Kurse, um die inneren/faszialen/subtilen Bewegungen zu lernen, die sie in ihren Formen vermissen. (Ich staune immer wieder, wie wenige dieser "inneren" Qualitäten vermittelt werden.) Wenn eine Form nur noch Form ist, kann sie sich von der ursprünglichen Bewegung entfernen. Einzelne Bewegungen machen dann unter Umständen gar keinen Sinn mehr. Arbeiten wir mit inneren Zusammenhängen und Qualitäten, wird diese Entfremdung bewusst. Dann steht der Student vor der Wahl, die Form und damit "die Tradition" zu ändern, oder aber in einem entfremdeten Ablauf zu verharren. (Meistens sind es nur subtile Änderungen, die wir vornehmen müssen.) Da wir uns diese Qualitäten in einfachen Bewegungsabläufen erarbeiten, ist dann oft der Kurzschluss, dass es ja gar keine Formen braucht.

Zitat Natürlich braucht es diese nicht. Aber man muss sie auch nicht verwerfen. So viel Unersetzliches schüttet man sonst mit dem Bade aus: die Konstante, das Bewegungsspektrum, das geneinsame Üben und Fließen, den Lern-Weg und das Kultivierungs-Potenzial.

Ich bin daher kein Befürworter des Nur-Formlosen. Integraldynamik schließt nichts aus, sondern bezieht kompetent ein. Vielmehr geht es daher darum, das wahre Formlose in der Form zu finden. Das ist der Punkt, an dem die Bewegung in jedem Moment ganz neu aus sich selbst heraus entsteht und sich ganz natürlich entfaltet und möglichst kompetent kultiviert wird. Ob das mit oder ohne Form geschieht, ist völlig nebensächlich. Die Form bietet uns aber ein Übungs- und Kultivations-Gefäß, welches uns kurze Übungen oder freie Bewegung nicht bieten. Wichtig und entscheidend ist, dass man nicht in der Form verharrt. Sonst wird aus etwas, das einst unser Bewegungsspektrum weitete, etwas, das unser Spektrum einengt.



Das Tempo des Seins

Darum rate ich ausdrücklich zum Weg der Form, der kein schneller Weg ist. Denn das ist nicht sein Nachteil, sondern in unserer schnellen Zeit einer seiner vielen Vorteile. Nur ein Weg, der mit dem Tempo unseres Seins mithalten kann und sich nicht im Tempo unseres Tuns verliert, kann uns Lebensweg sein. Und ein Lebensweg ist die Taiji-Form.

Natürlich ist das unserer Mentalität entgegengesetzt. Aber nur scheinbar. Man will schnelle Methoden und schnelle Resultate. Nur scheinbar deshalb, weil sich auch auf dem Taiji-Weg erste Resultate schnell zeigen können: mehr Energie, mehr Ruhe, mehr innere Stabilität (körperlich, psychisch und mental), mehr Klarheit, besserer Schlaf, Linderung chronischer Schmerzen und so weiter. Diese und weitere Effekte stellen sich natürlich nicht erst dann ein, wenn man die Form fertig gelernt hat.

Hohes Kultivierungs-Potenzial

Zitat

Die Taiji-Bewegungen haben ein enormes Kultivierungs-Potenzial. Ihr Fokus auf subtile Bewegungen, die sich fast immer spiralförmig durch den gesamten Körper entfalten, birgt viel Kultivations-Futter. Damit meine ich, dass wir die Entfaltung (und Einfaltung) der Köbi-Dynamik in jeder Bewegung üben können: zentrieren, öffnen, ausdehnen, begegnen (eingliedern), integrieren. Wir können diese Dynamik in der Form nicht nur fortwährend üben, wir können sie optimal kultivieren: bezeugen und empfinden, differenzieren und integrieren, subtilisieren und verwesentlichen. In dieser Dynamik kultivieren wir nicht nur die Bewegung, sondern auch unsere Wahrnehmung, unsere Empathie, unser Sein - uns selbst also.

Generell gesprochen kommt das hohe Kultivations-Potenzial der Taiji-Bewegungen daher, dass sie komplexer sind als viele Bewegungen anderer Bewegungs-Wege. Ich denke da etwa an Qigong und die populären «Acht Brokate», oder an viele Yoga-Flows. Yoga ist generell linearer, Qigong einfacher. (Diese Methoden haben natürlich ihre eigenen Vorteile, sind aus einer anderen Fragestellung entstanden und haben einen anderen Fokus. Auch Yoga braucht Jahre, wenn man etwa eine Ashtanga-Sequenz richtig ausführen möchte. Nur wird das im gegenwärtigen Yoga-Trend meist nicht thematisiert.) Die Taiji-Formen bieten uns nicht nur einzelne komplexe Bewegungen, sondern ein ganzes Spektrum davon.



Unverzichtbar für gutes Push Hands

Ich selbst unterrichte am liebsten Open Hands, eine etwas offenere Variante des Push Hands (Tui Shou) mit einem klaren Fokus auf die Qualität des Begegnens statt auf das Stoßen. »Gestoßen« wird vielmehr durch die Kraft des Öffnens und durch ganz subtile Wellen.

Zitat Die Form gibt uns sowohl für Open Hands als auch für Push Hands die richtigen Werkzeuge in die Hand. Durch die Form wissen wir, was wir tun. Ohne Form-Training haben diese Übungsformen die Tendenz, zu einem oberflächlichen Wohlfühl-Tanz oder einem unkoordinierten Versuch der dynamischen Einheit zu werden, ungeachtet einer guten Methodik. Die Form vertieft Push Hands/Open Hands, Push Hands/Open Hands vertiefen die Form. Denn sie geben uns Feedbacks zum Grad unserer Entspannung und zu unseren Reaktionsmustern, die wir uns alleine durch die Form nicht geben können.

Ein Geschenk

Ganz eindeutig: Man macht sich mit der Taiji-Form ein Geschenk, das man ein Leben lang erhalten und auspacken wird. Schicht für Schicht zeigt es neue Facetten des Taiji und des Selbst, wieder und wieder ist es sie sicherer Hafen auf unseren ungewissen Reisen, willkommen heißende Heimat, wenn wir den Weg nach Hause finden, liebevoll ermunternde Mutter und Freundin, die uns wieder ermutigen, in die Welt hinaus zu gehen.

Wir studieren durch Taiji den Wandel, doch das größte Geschenk ist die Konstante, die es uns gibt.



© Martin Schmid 2016