Raum braucht Zeit

Der folgende Beitrag ist aus der Vorbereitung zu Korsika 2017

Raum braucht Zeit. Diese Aussage klingt, als könnte sie von einem Physiker kommen. Das gibt uns schon einen Hinweis darauf, wie vernetzt die Sache ist, mit der wir hier arbeiten – oder anders gesagt, aus wie vielen Perspektiven sie sich betrachten lässt, und dabei erst noch wichtige Fragen aufwirft.
Yoga, Qigong, Taiji und alles, was wir hier machen, ist Raum-Arbeit. Wir schaffen Innenräume, indem wir aufräumen. Wir schaffen Freiräume, indem wir Verspannungen loslassen. Es entstehen neue Atem-Räume, und damit neue Lebens-Räume. Wo Atem ist, ist Leben. Raum schaffen heißt dem Leben Raum geben. Innen und außen. Eine Bewegung wird zur Geste, zur Einladung ins Größere.

Achselhöhlen-Brust oder Huli?

Wir öffnen also unseren Herzraum mit verschiedensten Bewegungen. Raum schaffen braucht Zeit. Muskeln müssen sich lockern, Bindegewebe muss wieder geschmeidig werden. Das können wir nicht forcieren. Der Herzraum ist dabei nicht isoliert. Einerseits sind die Arme eine wichtige Verlängerung, und die Arbeit mit den Armen ermöglicht uns, auf den Herzraum einzuwirken. Zwei meiner Yoga-Lehrer sehen das Öffnen der «Achselhöhlen-Brust» als eine der wichtigsten Aufgaben des physischen Yoga unserer Zeit. In Amerika wächst die Zahl der Frauen, die Brustkrebs entwickeln, rasant. Meine Lehrer sehen im Öffnen der Brust- und Achsel-Region, wo das lymphatische System ein weit verzweigtes System bildet, eine Lösung, diesem Trend entgegen zu wirken. «Armpit-chest» ist das im Englischen, das klingt schon ein wenig sanfter als das Erdbeben-Wort «Achselhöhlen-Brust». Darum, und weil ich auf Hawaii dem Begriff «armpit-chest» begegnet bin und lange, lange nach einem brauchbaren Begriff dafür gesucht habe, nenne ich diese Gegend «Huli». Der Begriff hat seine ganz eigene Geschichte, die vielleicht eines Tages erzählt werden soll, und ist mir heilig. «Huli» bedeutet im Hawaiianischen ganz viel. Es bedeutet Veränderung, ein Richtungswechsel, aber auch neu gestalten, umkehren, suchen, erforschen, untersuchen. Es ist eingewoben in das, was wir hier «kultivieren» nennen.

Das Becken-Segelschiff

Der Herzraum schwebt nicht frei im Körper, er wird getragen und er wird bewegt. Wir beginnen mit seiner Strukturierung in den Füßen, denn die sind nun mal das Fundament für alles. Von den Füßen über die Knie kommen wir zum Becken. Wir können uns das Becken als Segelschiff vorstellen. Es schwimmt auf dem Meer, das Meer sind die Beine und Füße, immer in Bewegung. Dadurch ist das Becken-Schiff immer in Bewegung. In seiner Mitte steht der Mast. Der Wirbelsäulen-Mast. Der Mast ist stabil und mit Seilen (Bindegewebe) gut verankert, damit die Kräfte gut verteilt werden, denn sonst kann der Mast brechen. Die Rippen sind die Segel. Der Atem ist der Wind, der die Segel bewegt – und damit das Ganze in Bewegung bringt. «Spiritus» ist ein lateinisches Wort für Atem. Wenn wir uns aufrichten und Raum entstehen lassen, ziehen wir quasi die Segel hoch. Beim Segeln ist es wichtig, das richtige Spannungsverhältnis in den Segeln zu finden. Sie dürfen nicht zu schlaff und nicht zu straff sein. Das Bild der Wirbelsäule als Mast hilft uns, eine Stabilität zu finden. Der Mast wabbelt nicht. Wir lassen das Bild aber auch wieder los, damit wir nicht eine rigide Wirbelsäule entwickeln, und erinnern uns an das Bild des Wirbelseils, das am Himmel hängt, das Becken als Gewicht unten befestigt.

Loslassen oder freilassen?

Wenn ich sage, dass Raum Zeit braucht, hat das aber noch eine viel wichtigere Bedeutung als die, dass der Prozess des Weitens nun mal ein Prozess ist. Und hier kann ich die existenzielle Bedeutung von dem, was wir hier machen, etwas andeuten. Ich möchte kurz an diesem Satz «Raum braucht Zeit» aufzeigen, was Yoga, Taiji und Qigong für unser Menschsein leisten können. Sie tun dies meist verborgen. Erst im Rückblick fällt einem dann plötzlich auf, dass sich etwas verändert hat. Doch wenn wir genau hinschauen, können wir den Prozess beobachten und das Entstehen verstehen. Der Herzraum braucht die physische Stütze des Zwerchfells und die energetische Stütze der dritten Quelle im Solar Plexus. In der dritten Quelle sitzt unser lineares Zeit-Empfinden. Ja, hier und nur hier existiert die lineare Zeit. Das haben wir in «Voll Mensch sein» genauer betrachtet. Es ist die Quelle der Linearität, des Fortschritts, der Zielsetzung, der klaren Gedankenabläufe und aller Abläufe, der Pläne, Konzepte und der Sprache, die auch linear ist. Raum braucht Zeit ist also auch ein Kürzel für: die Zeitfreiheit des Herzens braucht die Stütze der linearen Zeit. Denn ohne etwas kann man ja nicht frei davon sein, nicht wahr? Das ist der Unterschied zu den Zeithorizonten in den unteren Quellen des Dammes und des Beckens. Da existiert noch keine Zeit, sie hat sich noch nicht entwickelt, und daher sind diese Quellen zeitlos. Das ist der Unterschied zwischen zeitlos und zeitfrei. Es ist der große Unterschied zwischen «los» und «frei». Darum spreche ich immer mehr nicht nur vom Loslassen, sondern auch von Freilassen. Verspannungen freilassen, und sie können sich wandeln in Entspannung.

Und dann wird es existenziell

In der dritten Quelle sitzt auch das Vertrauen. Erst einmal das Selbst-Vertrauen. Stellt euch jemanden mit zu viel Selbstvertrauen vor. Er oder sie ist im Solar Plexus aufgeblasen, um die eigene Wichtigkeit zu demonstrieren. Stellt euch jemanden mit zu wenig Selbstvertrauen vor. Diese Person sackt im Solar Plexus ein, der Herzraum fällt zusammen, die Schultern sacken nach vorne, die Arme hängen schlaff. Auch das Vertrauen einem anderen Menschen gegenüber sitzt in der dritten Quelle. Und vertrauen braucht es, damit wir begegnen können (siehe «Bewegung als Dialog»). Vertrauen ist der Schritt ins Herz. Ist das Vertrauen zu jemandem nicht da oder gebrochen, ist es schwierig, den Herzraum zu weiten und eine Herzverbindung herzustellen.
Das gilt nicht nur auf eine Person bezogen. Das Urvertrauen erarbeiten wir durch Erdung. Damit werden die erste und zweite Quelle genährt und stabilisiert. Das Urvertrauen braucht es, damit wir den Herzraum wirklich zum Leben hin öffnen können.
Und hier wird es noch viel existenzieller und persönlicher. Versöhnung ist die Kraft des Herzens. Doch ich kann mich mit jemandem versöhnen und damit eine wichtige Stufe überspringen. Das wird mich wieder hinunterziehen. Denn die Dinge wollen gelöst werden. Ich habe zum Beispiel mit jemandem einen Konflikt. Die Person hat mich zum Beispiel enttäuscht. Nun versöhnen wir uns wieder. Das heißt, wir finden wieder den Weg in ein gemeinsames Herz. Doch die Erfahrungen, die zur Enttäuschung führten, sind damit nicht einfach durchgearbeitet. Sie sind nur so fest durchgearbeitet, dass ich den Weg ins Herz zurückfand. Die Erfahrungen haben aber meine dritte Quelle im Solar Plexus geprägt. Denn dort sitzt das Vertrauen, welches die Grundvoraussetzung für das Begegnen im Herzen ist. Nur weil ich kurzweilig den Weg ins Herz fand und wir uns versöhnten, bedeutet das nicht, dass dieses Vertrauen nun wieder als Basis hergestellt ist. Ich werde wieder und wieder hinuntergezogen in die dritte Quelle, das fehlende Vertrauen oder gar Misstrauen zeigt sich immer wieder, und es droht, mit seinen modernden Dämpfen unsere Versöhnung zu vergiften. Trotz Versöhnung im Herzen muss ich diesen Schritt nach unten machen und in der dritten Quelle aufräumen und Raum schaffen, der stützt. Ich muss den Schaden dort beheben, wo er entstanden ist. Der wichtige Schritt ist hier die Vergebung. Ich muss dieser Person vergeben können. Vergeben bedeutet, dass ich ihr etwas gebe. Mein Vertrauen. Damit ich das tun kann, muss ich die verletzenden Erfahrungen integrieren, das Misstrauen transformieren. Es geht darum, die Meinungen und Urteile, ja das Bild, das ich nun von dieser Person habe, loszulassen, damit ich ihr neu (aber nicht naiv) begegnen kann. Wenn ich etwas loslasse, kann ich etwas geben. Das bedeutet vergeben: loslassen und neues Vertrauen schenken.
Doch wir lassen nicht einfach mal schnell Verletzungen los. Prägungen müssen durchgearbeitet werden, Bilder müssen betrachtet und differenziert werden, Wunden müssen heilen. Es ist ein Differenzierungsprozess, bei dem klar angeschaut wird, was eine Reaktion ist und was eine Tatsache. Die Tendenz ist, dass ich an einer ersten Reaktion, etwa an einer Enttäuschung, festhalte und diese immer mehr aufbausche. Damit bin ich in einer Negativ-Spirale gefangen, welche die Person und ihre Tat immer noch übler erscheinen lässt. Der Differenzierungsprozess bringt mich dahin, mich selbst und nicht die Person zu beobachten. Es geht darum, dass ich primär über mich selbst lerne, nicht über die andere Person. Der eigentliche Kraftakt ist das Vergeben. Das Versöhnen ist dann die Folgerichtigkeit. So zentral die Kraft des Herzens ist: jede Quelle muss ihre Differenzierungen selber leisten. Nicht isoliert, nicht alleine, sondern im Dialog mit den anderen Quellen und vor allem mit dem Herzen. Doch das Herz kann nicht die Arbeit für die anderen Quellen machen. «What happens in Vegas stays in Vegas», heißt es doch. Was die dritte Quelle erfährt und empfindet, muss sie auch differenzieren und integrieren.
Das scheint in Widerspruch zu stehen zu der Erkenntnis, das ein Problem nicht auf derselben Ebene gelöst werden kann, auf dem es entstanden ist. Ja und nein. Sobald wir aus dem Problem heraustreten und es betrachten, statt es zu sein und zu haben, ist dies eine neue Ebene. Der Heilungsprozess ist ein Ganzwerdungs- und Eingliederungs-Prozess und geschieht im Dialog mit anderen Quellen, die ihre Erkenntnisse beisteuern.
Dieser Differenzierungs- und Kultivierungs-Prozess wird uns von Yoga, Taiji und Qigong geschenkt. Sie arbeiten anders als eine Psychotherapie und sind keine Psychotherapie. Sie sind anders und vielschichtiger.
Das alles, solche Wendepunkte in unserer Lebensgeschichte, sind in dem Kürzel zusammengefasst: Raum braucht Zeit. Und mit diesen Geschichten und Potenzialen arbeiten wir, wenn wir Yoga, Taiji und Qigong so praktizieren, wie sie ursprünglich gemeint sind. Nicht als Pflästerchen, sondern als Weg ind die Freiheit.

Mit diesen Betrachtungen schwängern wir unsere Bewegungen nicht mit Bedeutung. Wir richten uns aus, setzen die Segel, und mit dem Atem als Wind steuern wir auf ein befreiteres Menschsein zu, auch wenn wir uns wieder nur dem Huli zuwenden beim nächsten Arme in die Höhe Strecken oder beim nächsten Herabschauenden Hund etwas mehr Weite darin finden.

Sei dabei!

© Martin Schmid.


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