Qigong. Die Poesie des Bewegtseins

Es gibt so viel Schönes am Qigong: Da ist seine Einfachheit. Der Bewegungsfluss, der oft auf besondere Weise den Raum einbezieht, beziehungsweise die Trennung von Innenraum und Außenraum auflöst. Die natürliche Vereinigung des Atemflusses und des Bewegungsflusses. Die Namen wie «Der Tiger schöpft den Mond aus dem Wasser».

Einfach einfach

Einfachheit bedeutet nicht, dass Qigong einfach ist. Aber es ist einfach.

Will sagen: Jeder und jede kann es sofort praktizieren. Einfach nicht perfekt. Aber darum geht es auch nicht. Die Bewegung verfeinert sich quasi von selbst, wenn wir sie genießen. Wenn wir sie genießen, sind wir empfindend dabei. Und es ist unsere menschliche Natur, dass man positive Empfindungen noch verstärken möchte. Erfährt das Nervensystem mal gründlich, dass eine verfeinerte Bewegung noch feinere Empfindungen hervorruft, ist der Kultivationsprozess im vollen Gang.

Man kann sofort mitmachen, ohne sich in langen Abläufen zu verlieren, wie das zu Beginn beim Taiji und auch beim Yoga der Fall sein kann. Zudem ist die Verletzungsgefahr beim Qigong etwa so groß wie beim Im-Liegestuhl-liegen. Es ist aber in etwa gleich anstrengend und gleich entspannend. Im Gegensatz zum Liegen ist es aber trotzdem ein körperliches Training.
Lederkissen-Muskeln baut man damit nicht auf. Denn dafür muss man Einzelteile überbeanspruchen. Aber man stärkt den Körper als Ganzes und baut Energie auf. Wenn große Muskeln wie eine dicke Brieftasche sind, so ist der Qigong-Körper wie eine Kreditkarte. Es kann sehr viel darauf/darin gespeichert sein, ohne dass man es ihm direkt ansieht.

Qigong am Strand

Raumfluss

Wenn wir und «drehen und zum Mond schauen», «den Mond aus dem Wasser fischen» und nur noch staunen, wenn unsere Hände «die Wolken bewegen», dann beginnt der Raum zu fließen, und wir fließen in ihm.

Qigong heißt Raum schaffen. Wenn wir entspannen, entsteht Raum. Wortwörtlich, physisch. Doch Qigong geht darüber hinaus. Wir werden durchlässig. Innen und außen fließen gemeinsam, werden die Einheit, die sie sind.
Die Vereinigung von Atem und Bewegung ist dabei fast unausweichlich und natürlich. Natürlich kultivieren wir diese Vereinigung bewusst. Doch oftmals ergibt sich die natürliche Atmung von selbst durch die Bewegung. Im Dialog mit der Atmung wird die Bewegung differenzierter und subtiler.




Die Poesie

Das alles gibt Qigong eine poetische Qualität.

Es sind nicht bloss Bewegung zur Gesundheitserhaltung. Es sind Gesten, die unser Menschsein ausdrücken und mit denen wir etwas empfangen, das viel größer ist als wir selbst. Die Namen sind dann das Tüpfelchen auf dem i.

Den Tiger besänftigen. Den Tiger umarmen und zum Berg zurückkehren.

Den Regenbogen streicheln.




© Martin Schmid 2017